Animal Politics – Politische Theorie des Mensch-Tier-Verhältnisses

Welche Formen von Beziehungen zwischen Mensch und nichtmenschlichem Tier sind aus politischer Sicht anzustreben? Wie kann man deutlich machen, dass ein ernsthaftes Wahrnehmen der Interessen nichtmenschlicher Tiere keine anti-liberalen Tendenzen fördert? Gehen Tier-Rechte mit einer Aufgabe des Eigentums-Status einher? Kann es eine Option sein, nichtmenschlichen Tieren den Staatsbürger_innen-Status zu gewähren? Diesen (u.a.) Fragen wurde im Laufe der Tagung „Animal Politics: Politische Theorie des Mensch-Tier-Verhältnisses“ der DVPW Mitte März in Hamburg nachgegangen, um den ‘Animal Turn’ in den Politikwissenschaften auch in Deutschland zu vollziehen – etwas, das bisher weitgehend vernachlässigt wurde.

Ein Schwerpunkt der Tagung lag auf der Frage, ob nichtmenschlichen Tieren Rechte zugesprochen werden sollten und wie diese in der Praxis umgesetzt werden könnten. Den Auftakt im ersten Panel gab Alasdair Cochrane, der dafür argumentierte, dass nichtmenschliche Tiere Träger_innen von Rechten sein sollten, dass dies jedoch nicht einhergehen muss mit der Beendigung der Nutzung durch Menschen. Er plädierte, wie auch in seinem gleichnamigen Buch „Animal Rights without Liberation“,  für ‚Tierrechte ohne Tierbefreiung‘. Seines Erachtens haben nichtmenschliche Tiere ein Interesse am Weiterleben, weshalb ihnen (u.a.) das Recht auf Leben zugestanden werden muss, sie haben jedoch kein Interesse an Freiheit an sich‘, sondern nur an Freiheit von Schmerz und Leid. Dies führt Cochrane darauf zurück, dass nichtmenschliche Tiere meist keine autonom agierenden Individuen sind. Autonomie bedeutet für ihn mehr als „zwischen verschiedenen Optionen wählen können“, es bedeutet, sich auch die Frage stellen zu können „Welche Optionen möchte ich haben?“, weshalb er beispielsweise auch Tom Regans Theorie, die u.a. darauf aufbaut, dass nichtmenschliche Tiere präferenz-autonom sind und ein Ende der menschlichen Tiernutzung fordert, ablehnt.

Eine Position, die die Tiernutzung und generell den Eigentumsstatus von nichtmenschlichen Tieren dagegen scharf kritisiert, vertrat Hilal Sezgin – eine Position, die sie auch in ihrem in Deutschland vieldiskutierten Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“ stark macht. Ihres Erachtens sollte nichtmenschlichen Tieren ein Recht auf Nicht-Schädigung, auf Nicht-Tötung und auf Freiheit zukommen, wobei Freiheit als normativen Begriff zu verstehen ist, der empirisch stets eingeschränkt ist. Dieses Recht auf Freiheit ist nicht gleichzusetzen mit einem Recht auf ‚ein Leben in Wildnis‘, da es nicht angebracht sei, jede Form der Mensch- nichtmenschliches Tier-Beziehung zu beenden. Neben dem Recht auf Freiheit für nichtmenschliche Tiere argumentierte Sezgin für eine Abschaffung des Eigentumsstatus nichtmenschlicher Tiere, da dieser für sie konträr steht zum Innehaben grundlegender Rechte. Sie gab klar zu verstehen, dass ihres Erachtens ein empfindungsfähiges Lebewesen mit eigenen Interessen nicht als Besitz anderer angesehen werden kann und dies auch in den Fällen verfehlt wäre, wo ein solcher Besitzstatus einem nichtmenschlichen Tieres Leid ersparen könnte, da beispielsweise ein Hund, der seiner Besitzerin ‚gehört‘ in etlichen Fällen ein angenehmeres Leben führen mag als Straßenhunde, die oftmals Gefahr laufen, getötet zu werden oder zu hungern.  Die Frage nach der Legitimität des Eigentumsstatus nichtmenschlicher Tiere wurde in der im Anschluss folgenden Diskussion sowie im Laufe der Tagung immer wieder kontrovers diskutiert.

Einen Blick auf den konkreten Umgang mit nichtmenschlichen Tieren in Schlachthäusern und wie die dort geschehende Gewalt institutionalisiert und routinisiert wird, gab Timothy Pachirat, der diese in seinem Buch “Every Twelve Seconds” untersucht. Er geht dabei der Frage nach, wie die Institutionalisierung derart massiver Gewalt in sich selbst als hoch zivilisiert ansehenden Ländern auftreten kann. In seinem Vortrag führte er die Zuhörenden in den Aufbau eines Schlachthofes ein, der den Aufwand zeigte, der betrieben wird um zum einen den Akt des Tötens – auch in den Schlachthöfen selbst – vor so vielen Menschen wie möglich unsichtbar zu halten und zum anderen diesen Akt so aufzuteilen, dass sich kein_e Arbeiter_in allein dafür verantwortlich fühlen muss. Jedoch stellte er gleichzeitig dar, dass auch das Sichtbar-Machen der Gewalt beim Tötungs-Prozess nicht zwangsläufig dazu führen würde, dass Menschen sich dagegen auflehnen, wie die häufig zitierte Aussage von Paul McCarthney, dass alle Menschen Vegetarier_innen werden würden, wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, nahelegt. Neben dem Unsichtbar-Halten verfolgt die Fleisch-Industrie eine – ebenso erfolgreiche –  zweite Strategie: das Sichtbar-Machen und Verharmlosen. Dies wird ermöglicht durch den Aufbau einer emotionalen Distanz zum nichtmenschlichen Tier, die dazu führen soll, seine Tötung als Nicht-verwerflich anzusehen. Pachirat bewertete die Entwicklung dieser „Doppel-Strategie“ der Fleischindustrie kritisch und sprach sich dafür aus, eine andere Form des Mensch- nichtmenschliches Tier-Verhältnisses aufzubauen – nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Dass nichtmenschlichen Tieren ein adäquater Platz in der menschlichen Gesellschaft eingeräumt werden sollte, dafür plädierte auch Michael Haus, der seine Argumentation auf dem Konzept des Guten Lebens aufbaute. Hierfür bezog er sich auf die Theorie Alasdair MacIntyres, da z.B. die Fokussierung auf Fähigkeiten, wie sie in Martha Nussbaums Fähigkeiten-Ansatz zentral ist, auch zu ‚Rangunterschieden‘ zwischen Menschen führen kann, etwas, das MacIntyre umgeht, indem er gerade die Gebrechlichkeit des Menschen hervorhebt und besonders die Anerkennung von Abhängigkeitsbeziehungen als relevant für ein gutes Leben ansieht. Es soll also nicht die Autarkie eines Menschen im Vordergrund stehen beim Streben nach dem guten Leben. Damit nähert man sich einer Theorie an, die erkennt, dass auch nichtmenschliche Tieren nach einem guten Leben streben, ohne ihre Abhängigkeit als ein Hindernis für die Erlangung eines solchen ansehen zu müssen. Der Frage, welchen Platz nichtmenschliche Tiere in einer guten Gesellschaft einnehmen sollen, näherte Haus sich von einer eher anthropozentrischen Perspektive. Hierfür warf er die Fragen auf, ob erstens nichtmenschliche Tiere zum Gedeihen von Menschen beitragen können (jedoch nicht als Mittel zum Zweck, sondern schlicht durch ihr eigenes Streben nach dem guten Leben) und ob zweitens dieses Gedeihen nur durch nichtmenschliche Tiere möglich ist, sie hierfür also  nicht substituierbar sind. Beide Fragen beantwortete Haus mit ‚ja‘. Auch in MacIntyres Argumentation wird deutlich, dass Interaktionen mit nichtmenschlichen Tieren für den Menschen wichtig sind um sich selbst zu verstehen, dass sie genuin zum menschlichen Guten beitragen und dass sie dafür nicht substituierbar sind. Darum und auch weil durch Interaktion mit nichtmenschlichen Tieren erfahr- und verstehbar wird, was ‚das Gute‘ für diese selbst darstellen kann, sollten sie in die menschliche Gesellschaft adäquat eingebunden werden und es sollte erkannt werden, dass das Gedeihen nichtmenschlicher Tiere relevant ist für das Gedeihen einer guten menschlichen Gesellschaft.

Wege, wie nichtmenschliche Tiere eingebunden werden könnten, zeigten Will Kymlicka und Sue Donalson auf, die für eine vollständige Integration der nichtmenschlichen Tiere in das politische System argumentierten. In ihrem Buch „Zoopolis“, in welchem sie diese Theorie entworfen haben, wie auch in ihrem Vortrag, gehen sie von drei Grundkategorien von Beziehungen zwischen Mensch und nichtmenschlichem Tier aus, die auf der unterschiedlichen Abhängigkeit der nichtmenschlichen Tiere basieren. Die domestizierten Tiere, die der ersten Grundkategorie zugerechnet werden, sollen als „co-citizens“ verstanden werden. Dies bedeutet auch, dass ihnen die Rechte von Staatsbürger_innen zukommen. Dass unsere Beziehung zu diesen nichtmenschlichen Tieren überdacht werden und sich von Dominanz hin zu „auf Augenhöhe“ wandeln müsste, bedeutet nicht, diese in Zukunft sich selbst zu überlassen, sie auszusetzen oder zu eliminieren. Domestizierte Tiere teilen eine Gesellschaft mit uns, unser Zuhause – nicht nur auf das Eigenheim beschränkt, sondern auch auf die Umwelten, die einen umgeben –, ist auch ihr Zuhause geworden, folglich muss man sich arrangieren. Es sollten ihnen gegenüber die gleichen Pflichten bestehen wie unseren menschlichen Mitbürger_innen gegenüber. Für diese Theorie ist es zentral, davon Abstand zu nehmen, den Staatsbürger_innen-Status an eine Schwelle gewisser Fähigkeiten zu knüpfen. Kymlicka und Donaldson verfolgen den Ansatz eines ‘New Citizenship’- Modells, das – auch im Bezug auf Menschen – die von Ausbeutung am schnellsten Betroffenen in den Mittelpunkt rückt. Dies sollte das Ziel einer politischen Theorie sein, anstatt sie an z.B. Vernunftfähigkeit zu knüpfen. Die zweite Grundkategorie betrifft die Wildtiere. Kymlicka und Donaldson schlagen vor, die Habitate der Wildtiere als vom Menschen unabhängige Hoheitsgebiete anzusehen. In der dritten Grundkategorie ‚befinden‘ sich die sogenannten Kulturfolger. Diese sollen entsprechend den Migrant_innen mit unbegrenzter Aufenthaltsgenehmigung behandelt werden. Um einer Umsetzung dieser Vorschläge auch nur näher zu kommen, müsste sich das momentan bestehende Mensch- nichtmenschliches Tier-Verhältnis radikal wandeln. Kymlicka und Donaldson wollen mit ihrer Theorie einen konkreten Vorschlag anbieten, wie eine neue Mensch- nichtmenschliches Tier-Beziehung politisch aussehen könnte – ein wichtiger Schritt, da etliche Theoretiker_innen zu dem Schluss kommen, dass diese Beziehung sich ändern muss, es an umfassenden konkreten Vorschlägen für politische Umgestaltungen jedoch mangelt.

Die Theorie Kylicka und Donaldsons löste wie auch die Debatte um den Eigentumsstatus nichtmenschlicher Tiere eine kontroverse Diskussion aus und es wurde deutlich, dass hier noch einiges an Forschungsbedarf besteht. Einigkeit bestand aber darin, dass nichtmenschliche Tiere als empfindungsfähige Individuen anzusehen sind, denen (unnötiges?!) Leid erspart bleiben soll, die bei Forschungsfragen mit in den Blick genommen werden müssen und deren ‚Platz‘ in menschlichen Gesellschaften weiterhin ausgelotet werden sollte.

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